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Szenarientraining

Beim Thema Selbstverteidigung neigt das menschliche Gehirn dazu, komplexe Sachverhalte in einfachste so genannte ‚Szenarien‘ einzuteilen, die dann durch körperliches Training gemeistert werden sollen. Dadurch werden etwaige Schwierigkeiten oder unvorhergesehene Umstände (Risiken) ausgeblendet, die eine Beschäftigung mit diesem Thema von vorneherein unangenehm erscheinen lassen. Der Begriff des Szenarios wird auch gerne durch den einfacheren Begriff der “Situation“ ersetzt.

Ein Szenario oder eine Situation ist ein zeitgleiches Zusammentreffen mehrerer Umstände und Faktoren. Dabei muss man aber zwei Formen unterscheiden: die fiktive Variante (analog zu einem Theaterschauspiel), die auf einem von Menschen ausgedachten Drehbuch basiert, wobei das Drehbuch das Ende schon beschrieben hat. Ein Drehbuch – das sagt der Name schon aus – ist eine Arbeitsgrundlage für einen Regisseur und die Schauspieler, welches die Handlungsverläufe im Vorhinein festschreibt. Regisseur und Schauspieler arbeiten zusammen, so dass das Drehbuch visuell umgesetzt wird und das Ergebnis auch ansprechend für die Zuschauer ist und dadurch befriedigend für die Akteure.

Die andere Variante des Szenarios oder der Situation ist die der Realität. Bei dieser Variante gibt es kein vorgeschriebenes Drehbuch, das Ende ist überhaupt nicht beschrieben und die Einflussfaktoren komplett unbekannt. Es gibt keinen Regisseur, die Schauspieler/Akteure sind sich selbst überlassen und es gibt nur eine nach hinten gerichtete Reflektion des Erlebten. Das Drehbuch wird sozusagen durch die jeweilige Situation erst einmal festgeschrieben! Dies ist vergleichbar mit einer Theaterform, welche die höchste Form des Improvisationstheaters darstellt: die Schauspieler bekommen erst mit der Aufführung einige Schlüsselwörter aus dem Publikum und müssen darauf aufbauend ein für das Publikum ansprechendes in sich geschlossenes Schauspielstück erarbeiten. Ein noch geeigneterer Ausdruck für die Realität in Zusammenhang mit der Selbstverteidigung ist der Begriff der ‚Gemengelage‘.

Das Szenarien- oder Situationstraining ist z.B. sehr verbreitet bei Coachings oder Führungstrainings, um die Teilnehmer in eine quasi realistische Situation zu versetzen. Dabei stellt diese Form des Trainings aber nur die Stufe dar, in der die erlernten Werkzeuge unter erschwerten Bedingungen erfolgreich oder nicht erfolgreich abgerufen werden sollen – sozusagen eine Möglichkeit der überprüfung von Nachhaltigkeit. Daraus folgt, dass das Szenarien- oder Situationstraining eine überprüfung von Soll und Ist darstellt.

Dies bedeutet für die Praxis, dass wenn man diese Trainingsstufe ohne vorherige intensivste Schulung der Grundlagen als Fortbildung einsetzt, dann muss – um dem Teilnehmer auch ein Erfolgsgefühl geben zu können – das Schwierigkeitsniveau soweit herunter gepegelt werden, dass eine aufbauende Weiterentwicklung gar nicht stattfinden kann – sollen die Erfolgsgefühle erhalten bleiben!

Viele Selbstverteidigungsangebote haben sich heute dahingehend entwickelt, dem Teilnehmer ein ständiges positives Wohlgefühl im Training zu ermöglichen und nutzen deshalb sehr stark das Mittel des vorgeschriebenen Szenarien- oder Situationstrainings. Zum einen soll es dem Aufbau von Selbstbewusstsein dienen, zum anderen soll dem Teilnehmer durch ein konstantes Erfolgsgefühl die Richtigkeit der vermittelten Methodik unkritisch gemacht werden.

Dabei werden die Teilnehmer ständig mit neuen – vom Lehrer ausgedachten und fiktiven – Situationsbeschreibungen konfrontiert, um dadurch eine Vorschrift für die notwendige Handlung (Technik) abzuleiten, die dann im Training umgesetzt werden soll. Der Schwerpunkt bei dieser Trainingsform liegt darin, dass der Teilnehmer lediglich die Aufgabe verfolgen soll, die Technik einigermaßen umzusetzen, um die vorgeschriebene Situation für sich unter Kontrolle zu bringen. Die korrekte Ausführung, das Verhältnis von Sicherheit/Risiko, Eigenverletzungsgefahr, Distanzen, Energie-und Kraftverhältnisse, Strategie, Taktik und Logik werden in solchen Fällen selten bis nie behandelt, bearbeitet oder auch nur annähernd diskutiert.

Wenn etwas nicht so klappt, wird die physische Ebene durch noch mehr muskuläre Arbeit (Kraft und Ausdauertraining, etc.) kompensiert. Man wird sozusagen physisch ‚aufgebaut‘ und dann im Szenarientraining an die Regieanweisung gebunden. Dieses körperliche Training schafft aber lediglich Verbesserungen im Hinblick auf die jeweilige körperliche Kraft- und Ausdauerkonstitution, um sich für die vorgeschriebenen Szenarien einigermaßen den Vorschriften Trainers anpassen und angleichen zu können. Und vorgeschrieben werden diese Szenarien von Menschen, die selten oder nie hinterfragt werden, auf welcher Basis sie diese Szenarien erdacht haben. Meistens wird dies mit einer fiktiven Erfahrungskompetenz untermauert, welche aber nicht übertragbar ist.

Spontane Arbeit durch den Einfluss unvorhergesehener Umstände (in eine Gemengelage zu überführen) wird vermieden, denn diese lässt keine positiven Erfolgsgefühle zu – wenn keine Entwicklung auf strategischer Ebene stattgefunden hat. Hierbei bringen natürlich Menschen mit physisch besseren Anlagen (groß, kräftig, muskulös) dementsprechend die besseren Voraussetzungen mit und können auch schnellstens Erfolge umsetzen.

Im Gegensatz dazu steht der Ansatz der Realität – das Drehbuch, welches nie vorgeschrieben werden kann, nicht vorgeschrieben ist und bei welchem der Ausgang immer ungewiss ist – die Gemengelage. Hinzu kommt: in der Realität – selbst wenn sie einem Szenario sehr ähnlich kommt – wird niemals eins zu eins genauso zu Ende geführt, wie es im Vorhinein erdacht und trainiert wurde! Ein Angreifer muss stets als Störquelle und nicht als Mitspieler eingestuft werden (der eine Gemengelage herbeiführen will, um uns die größtmöglichen Risiken aufzubürden und seine Sicherheit konstant beizubehalten!). Alles andere entbehrt jeder Sicherheitslogik, denn ein Angreifer würde niemals das Risiko auf sich nehmen, ein Szenario mitzuspielen, indem er selber zum Verlierer würde!

Eine intelligente Entwicklungsstrategie basiert auf, wie oben angedeutet, komplexeren Kenntnissen oder Fähigkeiten, die erheblich im Lernaufwand und nicht immer von Anfang an mit einem positiven Gefühl verbunden sind. Dies basiert auf der einfachen Tatsache, dass bisherige Vorstellungen und/oder Projektionen von Selbstverteidigung neu definiert bzw. körperlich neu von Grund auf erarbeitet werden müssen. Man fühlt sich wie ein Anfänger – aber nur wenn man sich dieser der Wirklichkeit entsprechenden logischen Grundlage verdingt! Wenn aber eine durchgängige Strategie diese Dinge Stück für Stück verbunden mit einem strukturierten Aufbau greifbar macht, so hat dies als einziges Mittel eine Aussicht auf Erfolg.

In diesem Zusammenhang bekommt das Szenarientraining auch eine andere Bedeutung: es überprüft auf der jeweiligen (!) Lernstufe stets die bisherigen Nachhaltigkeiten sowie eine kreative Handhabung der Lernwerkzeuge in einer zwecks dafür generierten Situation! Vereinfacht bedeutet dies, dass das ein ‚Prüfungs-Szenario‘ dahingehend entwickelt wird, dass immer weitere Störfaktoren den gewohnten Umgang erschweren (der strukturierte Aufbau von Gemengelagen) und somit den Teilnehmer fordern, zusätzliche neue Risiken zu minimieren.

Natürlich gibt man sich eher – menschlich sehr nachvollziehbar – einer einfacheren Lösung hin, welche die Dinge auf der mentalen als auch körperlichen Ebene durch das fiktive Szenarientraining in einfachste Raster oder Kategorien einteilt, so dass man das Gefühl hat, mit minimalem Trainingsaufwand schon zu erheblichen Umsetzungsergebnissen zu gelangen. Bezogen auf andere Bereiche des Lebens wie der Musik hätte dies die gleiche Wirkung, wie wenn man Musiknoten lesen kann, und sich dadurch schon als virtuoser Musiker einstuft. Die höchste Form der Musik ist der ‚Jam‘ – hierbei bringen sich alle beteiligten Musiker ohne feste Vorschrift ein und das Ergebnis muss auch noch harmonisch sein.

Teilerfolge durch eine glückliche Situationskonstellation lassen sich belegen, was aber nicht bedeutet, dass die Komplexität der Kenntnisse und Fähigkeiten nur deshalb außer Acht gelassen werden kann – wenn man offen und ehrlich das Ziel von 100 % Sicherheit und 0 % Risiko für sich selbst verfolgt!

Über den Autor: Sifu Marcus Schüssler
ist ein Pionier der nationalen als auch der europäischen Wing Tsun / Escrima Kampfkunst Branche. Er betreibt diese beiden Kampfkünste seit 1981 und unterrichtet seit 1987 professionell. Insgesamt betreibt er seit 32 Jahren Kampfkunst. wt-velbert.de

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