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Der Fehlerraum

Da der Mensch von Geburt an über keine wesentlichen intellektuellen als auch körperlichen Fähigkeiten verfügt, müssen diese durch Erziehung und Lernen angeeignet werden. Selbst die für einen erwachsenen Menschen einfachsten Dinge wie aufrecht gehen, laufen oder sogar sprechen müssen mühsam in geduldiger Kleinstarbeit so aufgebaut werden, dass man sich im Verlaufe des weiteren Lebens auf diesen Grundlagen weiter entwickeln kann. In diesem Zusammenhang sei angefügt, dass sämtliche Vitalfunktionen im Unbewussten vorhanden sind und sich Dinge wie z.B. das Laufen von selbst erlernen – auch ohne fremde Hilfe.

Ein interessanter Punkt hierbei ist, dass sich die Mehrheit der Menschen ab einem gewissen Alter nicht mehr an diese Zeit der Mühen von Versuch und Fehlschlag erinnern können. Die wenigsten haben noch eine zeitliche Vorstellung davon, wie lange es gedauert hatte, bis sie aufrecht gehen konnten, geschweige sich im Laufschritt bewegen konnten. Dabei ist auch den meisten Menschen die Fähigkeit abhandengekommen, diese einfachen Dinge selbst so weiterzuvermitteln, dass ein Heranwachsender damit etwas anfangen kann. Diese Dinge sind so natürlich geworden, dass die einzelnen Details gar nicht mehr selbst wahrgenommen werden und auch dementsprechend mental nicht mehr nachvollziehbar und vermittelbar sind. In seinem Buch ‚Bounce‘ nennt der Autor Matthew Syed dieses Phänomen eine dem ‚Experten induzierte Amnesie‘ (original: expert induced amnesia). Dieser Ausdruck bedeutet, dass der Experte, der sich über Jahrzehnte mit einer Sache intensiv auseinander gesetzt hat, soviel über die Details seiner Arbeit vergessen hat und dennoch sein Metier hundertprozentig beherrscht. Matthew Syed belegt diese Aussage in seinem Buch an einem Beispiel aus dem Tennis, wo ein Profitrainer vor einen Fernseher gesetzt wurde und den Aufschlag eines Spielers anschauen sollte. Er erkannte sofort – bevor der Aufschlag komplett durchgeführt wurde – dass der Schlag nicht gut wird, konnte aber selbst nicht genau erklären warum. Um auf ein solches Expertenniveau zu kommen ist intensive und jahrzehntelange Detailarbeit notwendig – egal welche Tätigkeit oder angestrebte Fähigkeit betrachtet wird. Da dieser Weg immer mit Fehlschlägen gepflastert ist, ist es unrealistisch, Menschen erklären zu wollen, dass Dinge auch im Zeitraffer erlernt werden können. Dabei wird sehr gerne der Begriff des „Fehlers“ angewendet, um Menschen darzulegen, das der Lernversuch nicht erfolgreich war. Heutzutage hat der Begriff des „Fehlers“ sogar schon eine sozial abwertende und negative Assoziation bekommen, so dass jeder Mensch versucht Fehler zu vermeiden – und das unter allen Umständen! Um also sozial besser angesehen zu sein, wird gerne ein Image der „Fehlerlosigkeit“ aufgebaut, sehr oft auch durch dubiose Methoden. Was passiert aber, wenn man sich selbst auf solch einen mentalen Weg der ‚Fehlerlosigkeit‘ begibt? Die Fähigkeit zur Selbstkritik nimmt ab, da man ja keine Fehler akzeptiert und erkennen will.

Dadurch wird die Fähigkeit zur Selbstanalyse behindert, die einem helfen kann, Dinge zu verändern und nachhaltig zu verinnerlichen – ein wahrer Teufelskreis! Hier liegt auch ein wesentlicher Unterschied zwischen westlichen und asiatischen Kulturauffassungen. Während die westliche Kultur Fehler eher als etwas Negatives vermitteln, sehen die Asiaten den Fehler als etwas Neutrales und auch gleichzeitiges Hilfsmittel (sie unterliegen von Kind an einer anderen philosophischen Struktur, in der Fehler bzw. fehlerlos nicht unbedingt mit falsch und richtig gleichgesetzt sind), Grenzen zu setzen, die nie wieder erreicht werden dürfen. Einfacher ausgedrückt: in der westlichen Auffassung soll der lernende Mensch schnell und ohne Fehler Ergebnisse erarbeiten – so wird der moderne Bildungsanspruch kommuniziert. Im asiatischen Kulturraum wird zuerst einmal probiert – ohne Anspruch auf ein fehlerfreies Ergebnis. Wenn dabei durch Fehlschläge ein Endergebnis herausgearbeitet wurde, so hat man sich durch die Fehlversuche zusätzliche Wissensparameter angeeignet, die dann irgendwann in die „Experten induzierte Amnesie“ eingeflossen sind und den Experten ausmachten. (Anmerkung: obwohl sie es besser wissen nehmen heutzutage asiatische Kulturkreise leider auch immer mehr die westliche Herangehensweisen an – vielleicht weil es modern ist, oder......, was zur Folge hat, dass ihre Kulturfähigkeit immer mehr verwässert wird. Interessanterweise ging man in der westlichen wissenschaftlichen Grundlagenforschung genau nach dem asiatischen Prinzip vor. Da man nicht wusste, wo man bei einem Problem ansetzen sollte, wurden einfach richtungsweisende Versuche durchgeführt und die Fehlschläge gaben vor, welche Richtung nicht mehr verfolgt werden musste, als auch nie wieder eingeschlagen werden sollten/durften. Setzt man all dies in den Bereich der logischen Kampfkünste/Selbstverteidigung um, so sollte jeder Lehrer, der pädagogisch sinnvoll arbeitet, dem Schüler „Fehler“ positiv darstellen, ihn manchmal sogar bei „Fehlern“ loben und ihm erklären, dass er etwas sinnvolles durch den „Fehler“ gelernt hat – denn schließlich lernt man anhand von Fehlern. Deshalb ist eine gute Kampfkunstschule auch ein „Fehlerraum“ – eine geschützte Umgebung, in der „Fehler“ positiv gesehen werden und sogar zu „Fehlern“ ermuntert wird. Der Lernende muss verstehen und akzeptieren, dass der Raum, der keine „Fehler“ akzeptiert und verzeiht, der Raum außerhalb der Schulwände ist – das ist natürlich hypothetisch zu sehen. Der Schulraum ist der heilige Ort des „Fehlers“, den der Schüler ohne Angst vor gleichen betreten kann und damit experimentieren kann, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Er kann den „Fehler“ in aller Ruhe studieren, ohne dabei Angst haben zu müssen, dass er sich lächerlich macht, seine Würde, sein Gesicht verliert – bei asiatischen Kulturen besonders wichtig - oder in irgendeiner Art und Weise dafür abgestraft wird. Anderenfalls muss er sich verbiegen, um generell Fehler zu vermeiden, und kann somit viele Zwischentöne des Lernens nie erfassen. Somit ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler eine Beziehung, die nur dann konstruktiv für beide Seiten ist, wenn beide Seiten von vorne herein den Begriff des „Fehlers“ richtig einordnen. Hierzu ist es absolut notwendig, dass der Lehrer sich der Parrhesia (Parrhesia stammt aus dem Griechischen (παρρησία) und bedeutet Redefreiheit oder über alles sprechen.) unterwirft und verpflichtend nach ihr handelt. Wenn dies gegeben, kommen wir zu folgenden Erkenntnissen:

Da es unzählige „Fehlermöglichkeiten“ und „Fehlerquellen“ in allen Dingen des Lebens als auch in der Kampfkunst gibt, ist es nur logisch, dass der Lernprozess ein Leben lang fortgeführt werden kann – genaugenommen muss, da Stagnation vergleichend zwar Stillstand symbolisiert, aber bei Lernprozessen alleine betrachtet Rückschritt bedeutet.

Wie weit der/die Lernende(n) dies führen wollen, ist eine persönliche Entscheidung und soll auch so bleiben. Wenn allerdings der persönliche Anspruch an das gesetzte Ziel nicht mit dem zeitlichen und materiellen Aufwand im richtigen Verhältnis steht, dann kommt es sehr oft zu menschlichen Kompensationshandlungen, die auch skurille Formen annehmen können. Basierend auf den obigen Ausführungen kommen wir abschließend zu einer wichtigen Trennung von zwei Bezeichnungen: Schule und Trainingscenter. Eine Schule ist eine Institution, wo Dinge vermittelt werden – hier finden Lernprozesse statt -, welche oftmals vorher gänzlich unbekannt waren. Diese Dinge müssen logischerweise von Grund auf strukturiert werden, so dass eine kontinuierliche aufwärtsgerichtete Entwicklung stattfindet. Diese Entwicklung kann auch nur dann stattfinden, wenn ein „Fehlerraum“ durch pädagogisch sinnvolles Anweisen als auch entwicklungsförderndes Handeln des Schülers eingerichtet wurde. Ein Trainingscenter ist ein Ort, an dem Wissen und/oder Fähigkeiten vorausgesetzt werden, die dort nur weiter kultiviert werden. Pädagogisch sinnvolles oder sinnfreies Anweisen ist weniger bedeutsam, da keine Entwicklung mehr stattfinden muss. Der Begriff Training impliziert, dass etwas trainiert, also nicht geübt wird – üben ist etwas ganz anderes. Das besser werden in den bereits vorhandenen Fähigkeiten wird vordergründig gesehen und Weiterentwicklung ist in dieser Definition nicht impliziert. Rein formell kann der Begriff der Schule aber das Trainingscenter beinhalten, anders herum nicht.

Hierzu ist wichtig zu erkennen, dass Schule gleich Fehlerraum ist, der sich mit laufender Entwicklung verändert. Aus Schülern werden Lehrer, Trainer....aus „Fehlerraum“ wird „Entwicklungsraum“. Trotzdem bleibt man nie wirklich fehlerlos...aber in der Lage sich ständig weiterzuentwickeln – wenn man will denn das vorher beschriebene Grundprinzip „Fehler“ ändert sich im Kern nie. Kommt man zu dieser Einsicht, dann ist man ein Leben lang ein Lernender, der eigenverantwortlich Selbstentwicklung betreibt. Man ist frei……

Über den Autor: Sifu Marcus Schüssler
ist ein Pionier der nationalen als auch der europäischen Wing Tsun / Escrima Kampfkunst Branche. Er betreibt diese beiden Kampfkünste seit 1981 und unterrichtet seit 1987 professionell. Insgesamt betreibt er seit 32 Jahren Kampfkunst. wt-velbert.de

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