Wissenschaft und die Kunst des Kung Fu

Wissenschaft bedeutet: Kenntnis durch Beobachtung und Versuch zu ermitteln, diese kritisch zu testen sowie zu systematisieren und das Ergebnis in allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu bringen. "Kunst", so erklärt das Lexikon, ist Anwendung von Können, das durch Regeln geleitet wird, um Schönheit zu schaffen, speziell sichtbare Schönheit und Werke der schöpferischen Phantasie. Kunst und Wissenschaft des Kung Fu werden gelenkt durch Gesetzmäßigkeiten, die; wenn sie verstanden, angewandt und verwirklicht werden, einen in die Lage versetzen, sich noch mehr an diesem speziellen Gefühl erfreuen zu können; der Empfindung dieser sich wiederholenden, rhythmischen Übung, wenn alles warm, gut geschmiert und in einer hervorragenden Form ist. Die erste Gesetzmäßigkeit ist etwas ganz Natürliches. Sie liegt tief in jedem Menschen und wird oft erklärt als etwas, wofür man sich schämen müsse. Ohne dieses Empfinden aber gäbe es die Menschen nicht. Es ist die Angst. Angst ist ein Gefühl, das durch Drohung oder drohenden Schmerz hervorgerufen wird, mit dramatischen Auswirkungen auf die im Körper ablaufenden Prozesse. Sie bewirken Veränderungen, die den Körper für eine schnelle Reaktion und gegebenenfalls gewalttätige Aktivität vorbereiten, indem sie die Energiereserve wecken, die in jedem von uns steckt. die aber normalerweise nicht mobilisiert werden kann. Das Gefühl "Wut" zeigt ungefähr das gleiche Muster im Verhalten. Die Ursache dieser beiden Gefühle kann durchaus von der Reaktion des anregenden Objekts ausgehen, aber mit dem Unterschied, dass Wut das Urteilsvermögen trübt. Während Angst in der Regel die Sinne schärft. Haben Sie schon einmal bemerkt, dass Sie in einem Zustand der Angst Dinge oft kristallklar sehen, sie fast in Zeitlupe ablaufen und Sie erhöhte Aufmerksamkeit zeigen? Biologisch gesehen bewirkt Angst die folgende Kettenreaktion: Das Gehirn befiehlt dem Hypothalamus, Adrenalin aus dem Nebennierenmark in den Blutkreislauf zu schütten. Als Ergebnis weiten sich die Pupillen, die Haare stehen zu Berge, die Blutgerinnung wird beschleunigt. Die Atmung wird vertieft, die Bronchien weiten sich zum besseren Gasaustausch, das Herz schlägt schneller der Blutdruck steigt, und die Muskeltätigkeit (der Muskeltonus) wird beschleunigt. Die Haut strafft sich und wird blass. All dies geschieht automatisch. Angst ist natürlich und logisch, ein Zeichen von lntelligenz und nicht von Feigheit. Die Angst ist als etwas zu akzeptieren, das dazu dient, die normale, biologische Reaktion in eine Streßsituation zum Vorteil für den Menschen umzuwandeln. Die gleiche Art von Angst hielt die ersten Urmenschen am Leben, so dass sie sich zum Menschen fort- und weiterentwickeln konnten. Die Urmenschen haben gelernt, Gefahren zu erkennen, wenn möglich zu vermeiden und im Notfall entsprechend zu reagieren. Langsam, klein und schwach mussten sie lernen, sich gegen größere, schnellere und stärkere Tiere durchzusetzen. Der Mensch nutzte seine Angst, um zu überleben. Er wurde das mächtigste Geschöpf, das auf der Erde lebt. Kung-Fu lehrt, den verfeinerten Gebrauch der Angst als die Kraft, die durch harte Arbeit und geduldiges Studium Ausdauer und Geschicklichkeit entwickelt. Die zweite Gesetzmäßigkeit ist ebenfalls sehr grundlegend für unser Dasein. Es ist eine körperliche Funktion, die unfreiwillig aktiv ist, aber trotzdem kontrollierbar. Wir tun es, ohne darüber nachzudenken, wir können es anhalten. aber höchstens für wenige Minuten. und es geschieht sogar im Schlaf: das Atmen. Das Atmen ermöglicht uns, die frische Luft eines grünen Waldes zu riechen, den betörenden Duft eines vorbeiziehenden Parfüms wahrzunehmen, das Bukett eines guten Weines zu erkennen. Es ermöglicht uns ebenfalls, einen tiefen Atemzug zu machen, der uns glücklich darüber sein läßt, dass wir leben. Es ist der Schlüssel, der uns hilft zu entspannen und durch den, fließende Bewegungen erst möglich werden. Wir wollen uns nicht mit den biologischen und chemischen Prozessen des Gasaustausches beschäftigen, die sehr kompliziert sind, sondern nur mit dem einfachen Ein- und Ausatmen. Es ist wichtig zu wissen, daß bewußtes Atmen in Zeiten des geistigen und körperlichen Stresses die Anspannung löst. Es hilft, das Verkrampfen von Gedanken und Taten zu vermeiden und fördert die Geschwindigkeit und Kraft der Handlungen. Beobachten Sie ein Kind. während es schläft. und Sie werden das regelmäßige, rhythmische Heben und Senken des Bauches sehen, jedoch kaum Bewegungen der Brust und der Schultern. Wenn sich der Bauch ausdehnt, senkt sich das Zwerchfell, welches die Brust von der Bauchhöhle trennt. Es schafft ein örtliches Vakuum, wodurch es der Lunge ermöglicht wird, sich ohne aktives Zutun selbst zu füllen. Diese Art und Weise, die die Natur für uns als Atmung vorgesehen hat. nennt man Zwerchfellatmung. Alle Formen der meditativen Atemübungen nutzen diese Kenntnisse. um die inneren Organe zu massieren und die Sauerstoffversorgung des Blutes zu steigern. Bodybuilder und Gewichtheber sind ein extremes Beispiel für die Technik und Stärke der richtigen Atmung: Einatmen in der Ruhepause und Ausatmen beim Ziehen, Drücken und Heben schwerer Gewichte. Auch die emporsteigende Kraft und Ausdauer der Stimme eines Opernsängers wird durch eben diese Atemtechnik bewirkt. Atmen klingt einfacher, als es oft ist. Wann sind Sie zum letzten Mal einige Stufen gestiegen und fanden sich außer Atem? Es scheint so, als ob Sie vergessen hätten, richtig zu atmen.